Ich schenk mir einen Geigenbogen

Adventskalender 2017, 12. Dezember

Geschenke mache ich gern. Nicht nur an Weihnachten. Betreffend Geschenke kann ich jeden x-beliebigen Tag zu Weihnachten, Geburtstag oder Festtag ernennen. Geschenke mache ich dann, wenn ich Lust dazu habe.

Ich habe Lust, mir selbst ein Geschenk zu machen. Schon lange wollte ich einen neuen Geigenbogen. Auch wenn es lediglich beim Vorsatz bleiben sollte, wieder mehr Musik zu machen.

Ich fuhr also in die Zuger Altstadt, wo ich einen Geigenbauer entdeckt hatte.

Das Flanieren in Zugs Gassen ist bereits ein Vergnügen.
Zwischen dem Fischmarkt und der Liebfrau Kapelle, in der spätgotisch erbauten Altstadt von Zug, ein paar Schritte vom Zugersee entfernt, befindet sich das Atelier “Il Violino – Atelier für Streichinstrumente”.
So einfach und bescheiden ist der Name des Geigenbau-Ladens mit seiner Werkstatt.Hier ist es gemütlich und der Himmel hängt voller Geigen – buchstäblich.

Ein kompetenter Herr fragt mich nach meinen Wünschen. “Ich möchte einen Geigenbogen”. Ich sehe dem Mann an, was er über mich denkt, als ich “einen Geigenbogen” nicht genauer definieren kann. Ob ich meinen alten Geigenbogen nicht einfach neu bespannen wolle. Nein! Heute will ich mir einen Geigenbogen schenken. Auch Banausen dürfen sich ein Geschenk machen!

Der Mann wird zusehends freundlicher. Ich habe ihn bei seiner Arbeit im Atelier unterbrochen – offensichtlich ist er mit Leib und Seele Geigenbauer.

Ich erheische einen Blick in die Werkstatt, wo leise klassische Musik erklingt. Und freue mich wieder einmal, einen Menschen zu treffen, der seinen Beruf mit Leidenschaft ausübt.

Ich entscheide mich für einen Carbon-Geigenbogen. Wichtig ist das kleine Stück Perlmutt im “Frosch”. Mit dem Frosch wird der Haarbezug eines Streichbogens auf die nötige Spannung gebracht. Wie der Frosch wohl zu seinem Namen gekommen ist?

Als Kind habe ich das Perlmutt-Auge des Froschs geliebt. Seither habe ich eine Schwäche für Perlmutt. Ich habe auch einmal eine Perlmuttfabrik im Waldviertel besucht.

Ich bekomme eine Tüte für meinen Bogen und gehe gleich nach Hause. Wie mein Bogen wohl mit meiner Geige harmoniert.

Mein alter Bogen tut mir plötzlich leid. Hätte ich ihm eine Chance geben und ihn neu bespannen lassen sollen?

Ich nehme mir Zeit und versehe die Pferdehaare mit Kolophonium. Eine fast meditative Beschäftigung.

Kolophonium ist auch so ein Wunder meiner Kindheit mit seinem transparenten warmen Braunton. Es entsteht bei der Verarbeitung fossiler Harze, insbesondere des Baltischen Bernsteins. Bei diesem Prozess entstehen Bernsteinöl und Bernsteinsäure. Es wurde früher in der Lackherstellung verwendet.

Nun wartet meine Geige, bis ich wieder mehr Zeit für sie finde.

Der Wunsch nach vermehrtem Musizieren erwachte im Herbst in Mittenwald, als ich dort den Bozener Markt besuchte. Die Bozener verlangten zu hohe Steuern, also organisierten die Mittenwalder den Bozener Markt im eigenen Dorf.

Mittenwald ist ein überdimensioniertes Bilderbuch, das Geschichten erzählt.
Viele Häuser sind mit dramatischen oder romantischen Szenen bemalt.

Geigen sind im Dorfbild allgegenwärtig.

Geigenbau-Werkstätten findet man an jeder Ecke.

Musik scheint zentral zu sein.

Dass Mittenwald für den Geigenbau bekannt ist, verdankt es einem Klotz.
Matthias Klotz (1653-1743).

Nach einer langen Ausbildung zum Geigenbauer in Füssen und in Padua kehrte Matthias Klotz um 1680 in seinen Geburtsort Mittenwald zurück, um eine Geigenbauwerkstatt zu eröffnen. Es war nicht nur das Heimweh, das Matthias Klotz zurückkehren liess, sondern auch das heimische Holz.

Das Geheimnis einer guten Geige liegt in ihrem Aufbau, ihrer Verarbeitung, ihrem Lack und ihrem Holz. Die Decke einer Geige besteht aus Fichte, Seiten und Boden aus Ahorn.

Neben dem Frosch des Geigenbogens gibt es die Schnecke – noch ein Geigen-Tier.

Im 18. Jahrhundert arbeiteten in Mittenwald über 90 Geigenbauer. Die Industrialisierung machte aber auch vor dem Geigenbau nicht Halt.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde vor allem billige Massenware produziert.
In Mittenwald gab es Korpusmacher und Besaiter, Lackierer und Halsmacher.

Geigenverleger lieferten Mittenwalder Produkte in die halbe Welt. Aber alleine eine vollständige, gute Geige bauen, das konnte fast niemand mehr.

König Maximilian II., der die bayerische Kultur  bewahren wollte, gründete 1858 die Mittenwalder Geigenbauschule.
Zurzeit werden dort jährlich von weit über 100 Bewerbungen aus aller Welt nur zwölf Geigenbau- und vier Zupfinstrumentenbauschüler zugelassen.
Denn ein guter Geigenbauer ist nicht nur Schreiner, Lackierer und Zeichner, sondern auch Musiker.

Heute zählen die in Mittenwald ausgebildeten Geigenbauer wieder zu den Besten ihres Fachs.

Das Mittenwalder Geigenbaumuseum wurde 1930 gegründet und ist seit 1960 in einem der schönsten Häuser in Mittenwald untergebracht. Die Ausstellung zeigt das Geigenbauhandwerk und seine mittlerweile über dreihundertjährige Entwicklung, verknüpft mit der Ortsgeschichte.

Es lohnt sich, Mittenwald zu besuchen und im Kranzbach zu wohnen.

Im Museum werden auch Geigenbögen gezeigt – wobei wir wieder am Beginn meiner Adventsgeschichte sind.

 

Manch gute Melodie wurde auf einer alten Geige gespielt.

Samuel Butler der Ältere (1612 – 1680)

Musik
Violinkonzert Max Bruch
Carmen Fantasie Franz Waxman
La Campanella Paganini
Violinkonzert Mendelssohn

Ich danke Andrea Paul und Sabrina Blandau für die Organisation der Reise nach Mittenwald und Klaus King für die Gastfreundschaft im Kranzbach.

Ich danke Österreich Werbung für die wunderschöne Reise ins Waldviertel zur Perlmuttfabrik.

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Türkranz

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  1. Theresa

    Liebe Regula – ich hoffe, das Du ist ok!
    Wir kennen uns von früher und unsere Töchter gingen zusammen in die Pfadi.
    Dein Adventskalender ist eine Wonne und ich freue mich jeden Tag auf das neue Türchen. Heute war meine Freude besonders gross: Erstens hast du “meinen” Geigenbauer besucht und zweitens wusste ich gar nicht, dass du Geige spielst! Als Bratschistin bei der OGA klingelt’s da bei mir. Ich unterrichte übrigens trotz Pensionsalter weiter und mache noch eine Weiterbildung in Musikeragogik. Musik ist die beste Gesundheitsvorsorge für 60+!
    Liebe Grüsse, Theresa

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