Drei Tage in Visperterminen, walliserdeutsch Tärbinu, wirkten Wunder. Nach längerer Zeit traute ich mich wieder an steilere Wanderungen in anspruchsvollem Gelände.

Ob das nur an der Motivation lieber Menschen lag oder auch am Heida, kann ich nicht mit letzter Sicherheit sagen. Wahrscheinlich an beidem. 🙂
Der Heida stand jedenfalls am ersten Tag im Mittelpunkt.

Der Virtis ist ein sortenreiner Gewürztraminer.
Die Rebsorte Savagnin blanc, Heida, findet an den sonnigen Steilhängen des Vispertals ideale Bedingungen. Die Rebterrassen von Visperterminen ziehen sich zwischen 600 und 1090 Metern über Meer den Hang hinauf. Wer davorsteht, staunt nicht nur über die Landschaft, sondern auch über die Leistung der Menschen, die diese Trockensteinmauern über Generationen hinweg gebaut und gepflegt haben.

Die Reben wachsen hier in einem der höchstgelegenen Anbaugebiet nördlich der Alpen. Das Klima ist trocken, die Sonneneinstrahlung intensiv, und im Herbst hilft oft der Föhn mit, die Trauben goldgelb ausreifen zu lassen. Kein Wunder also, hat sich der Heida zu einem Aushängeschild des Walliser Weinbaus entwickelt.

Überhaupt ist die Trockenheit im Vispertal allgegenwärtig. Föhrenwälder, Wacholder und widerstandsfähige Kräuter prägen die Landschaft.

Besonders faszinierte mich das Federgras mit seinen langen, silbrig schimmernden Grannen, das man sonst eher aus Steppenlandschaften kennt.

Der Heida soll hier bereits vor der Christianisierung des Wallis angebaut worden sein und schon die Kelten sollen in Visperterminen Heida-Reben kultiviert haben. Erstmals schriftlich erwähnt wurden sie Mitte des 16. Jahrhunderts.
Zur historischen Einreihung: Stockalper, einer der ersten Schweizer Wirtschaftskriminellen, lebte im 17. Jahrhundert in Brig, 1798 besetzten die Franzosen das Wallis und gliederten es in die abhängige Helvetische Republik ein. 1815 trat das Wallis als regulärer Kanton der Schweizerischen Eidgenossenschaft bei. Den Heida gibt es bereits viel länger.
Wer durch die Rebberge wandert, bekommt eine Ahnung davon, wie hart die Arbeit hier früher gewesen sein muss. Und ehrlich gesagt: Auch heute sieht sie nicht nach einem gemütlichen Feierabendhobby aus. Die steilen Hänge verlangen den Winzerinnen und Winzern noch immer einiges ab.

Heida Rebstöcke werden im Wallis fast ausschliesslich auf Reblaus-resistente Wurzelstöcke veredelt, weil die Edelsorte selbst nicht resistent gegen die Reblaus ist. Dadurch wird der Weinstock geschützt, während die gewünschte Traubenqualität erhalten bleibt. Die Unterlage, auf die aufgepfropft wird, wird je nach Standort gezielt gewählt, um Wasserstress und Wuchskraft auszubalancieren.

Besonders spannend war im Rahmen der Weinwanderung mit Heiz Stoffel unser Besuch in einer Trotte, die im Vispertal «Triel» genannt wird. Die Weinwanderungen können wir sehr empfehlen.

Dort erfuhren wir auch, was ein Tressel ist. Mit solchen Kerbhölzern wurden früher die Wasserrechte an den Suonen festgehalten. Jede Familie hatte ihr eigenes Zeichen.

Die Symbole dienten nicht nur der Wasserverteilung, sondern fanden sich auch auf Werkzeugen, Hausrat oder sogar auf den Hörnern von Tieren eingebrannt wieder.
Nach der Wanderung durch die Rebenterrassen besuchten wir die Weinkellerei St. Jodern, eine Winzergenossenschaft. Sie wurde 1979 gegründet.

Michael Hock, Önologe und Geschäftsführer der Kellerei, erzählte mit Begeisterung und Fachwissen über seine Weine, von denen rund ein Drittel Heida-Weine sind.
Das Ziel der Genossenschaft ist der Erhalt der Rebberge. Es gibt hier vor allem Winzer mit kleinsten Anbauflächen an Steilhängen. Während man im Schweizer Durchschnitt mit etwa 350 Arbeitsstunden pro Hektare Rebfläche rechnet, sind es im steilen Gelände des Vispertals rund 1500 Stunden.
Die Genossenschaft entlöhnt die Weinbauern sehr gut. Der Wein ist hier ein Kulturgut, das mit viel Herzblut gepflegt wird. Das Lokale und das Traditionelle bestimmen den Lebensstil. Zudem musste man hier seit Jahrhunderten zusammenhalten, um zu überleben.
Ein Satz von Michael Hock blieb mir besonders in Erinnerung: «Wir Walliser Weinbauern müssen uns zusammentun, statt zusammen zu jammern!»

Trotz hohem Traditionsbewusstsein erfolgt die Vinifizierung und Verpackung auf technisch höchstem Niveau.

Den Abend rundeten wir mit Raclette ab – wie sonst, hier im Wallis?

Der Sonnenaufgang in den Bergen ist immer ein Erlebnis.
Auf dem Programm stand eine Suonenwanderung.

Zuerst spazierten wir zur Kirche, dann zum Herruviertelplatz, wo noch der Schmuck von Fronleichnam am Gemeindehaus hing.

Der heilige Theodul von Sitten, volkstümlich St. Jodern genannt, gab nicht nur der Kellerei, sondern auch der Kirche den Namen. Er lebte im 4. Jahrhundert und war der erste historisch belegte Bischof im Wallis. Er ist der Landespatron des Kantons Wallis, Schutzpatron der Walser, Winzer, des Viehs sowie Wetterheiliger.
Nach einer Legende soll er bei einer Missernte die Fässer der Winzer mit einer einzigen Traube pro Fass gefüllt haben.

Wanderungen, die den Suonen folgen, sind meist flach. Aber nicht immer. Wir mussten auch eher unwegsame Steigungen überwinden. An einem Ort wurde die Suone bei einem Abschnitt unter dem Boden gestaut.

Zuerst versuchten wir das Problem mit einer Staumauer zu lösen – grosse und kleine Jungs lieben das Bauen von Staumauern.

Wanderleiterin Vroni fand die Lösung. Sie leitete das überfliessende Wasser nach dem Hindernis zurück in die Suone. Sie fotografierte das Problem und sandte das Foto an die Gemeinde. Gemeindearbeiter werden das Problem professionell beheben.

Beim Zurückwandern ins Dorf war das Bietschhorn omnipräsent. Es fehlen ihm gerade mal 66 Meter zum Viertausender.

Die Alpenblumen blühen im Juni in intensiven Farben.

Der trockenste Ort der Schweiz befindet sich im Vispertal. Hier fällt im langjährigen Mittel die geringste Niederschlagsmenge von rund 543 bis 545 Millimetern pro Jahr. Dies ist nur etwa die Hälfte der Regenmenge, die im Schweizer Mittelland verzeichnet wird.

Roggen reift und Kartoffeln gedeihen.

Der Walliser Blockbau hat rechteckige Wände und ein flaches Satteldach. Eine Besonderheit sind die sogenannten Mäuseplatten. Die Steinplatten, die waagrecht auf Pfosten gelegt werden, sind für Mäuse und Ratten unüberwindbare Hindernisse – und somit der perfekte Schutz für die Vorräte.

Natursteinplatten-Dächer aus Walliser Quarzit sind schwer und werden deshalb nur auf massive Holzkonstruktionen gesetzt.

Im Dorf findet man unterschiedlichste Dächer.

Nächster Höhepunkt des Tages: Die Sesselliftfahrt aufs Giw.

Und die Einladung zum Apéro ins Refugium von Vroni und Meinrad.

Wunderschön, was die beiden aus einer zerfallenden Hütte geschaffen haben.

Danach lockte eine Cholera im Bergrestaurant. Rezept

Mit der Cholera im Bauch gings für Mutige mit dem Trottinett “ambri” ins Dorf.

Marie-Mathilde, die pensionierte Dorfschullehrerin, führte uns danach nicht nur durch das Dorf – sie führte uns durch mehrere Jahrhunderte. Mit jeder Geschichte wurde deutlicher, wie stark sie mit Visperterminen verbunden ist.

Visperterminen liegt 1400 Meter über Meer und hat rund 1400 Einwohner. Dazu 20 Pferde, 110 Kühe, 230 Ziegen und 120 Arbeitsplätze. 80 Prozent der Bewohner arbeitet im Tal bei der Lonza.
Die Vereine sind das Rückgrat des Dorfes – 30 an der Zahl. Es gibt sechs Musikvereine – die Bevölkerung muss überdurchschnittlich musikalisch sein.

Sie erzählte uns von den geheimen Kellern, wo man wertvolle Dinge vor den Franzosen versteckte.

Sie führte uns in die Werkstatt des Schmieds, der hier noch Ende des letzten Jahrhunderts arbeitete.

Sie erzählte uns von den 10 Kapellen, den sogenannten Sacri Monti, die ihren Ursprung im Piemont und in der Lombardei haben.
In Visperterminen führt eine Reihe von zehn historischen Kapellen aus der Zeit von 1680 bis 1700 hinauf zur Waldkapelle „Maria Heimsuchung“. Über die vergangenen Jahrhunderte wanderten die Gläubigen von einer Rosenkranzkapelle zur nächsten.

Die vermutlich älteste werkmässig erhaltene Orgel des Wallis steht in der Waldkapelle oberhalb Visperterminen.

Marie-Mathilde zeigte uns nicht nur die Backstube, sondern liess uns auch von ihrem selbstgebackenen Brot kosten.

Im Dorfmuseum erklärte sie uns “Bettgeschichten”. Man schlief auf Laubsäcken.
Die Familien waren äusserst kinderreich – und lebten auf engstem Raum. Auszugbetten sind keine neue Erfindung!

Wer achtsam durchs Dorf spaziert, entdeckt solche Vorhänge.

Wir hätten Marie-Mathilde noch ewig zu hören mögen. Und ja, Marie und Mathilde hiessen ihre Grossmütter 🙂

Den Abend beschlossen wir im Restaurant Spycher, geführt von einer Grüozi vom Zürichsee. Sie fährt ein passendes Motorrad.

Zum Ausklang des Abends lehrte uns Kornelia das alte Spiel “Troggu” mit Tarot Karten. Wir hatten eine Menge Spass!

Am nächsten Morgen dann nochmals wandern. Auf dem Panoramaweg genossen wir eine 360-Grad-Aussicht auf Matterhorn, Bietschhorn, Weisshorn und weitere Viertausender.

Wiederum Alpenblumen in starken Farben.
Ein himmlischer Rundblick.

Die Weinsuppe in der Brioche war so gut, dass ich kurz darüber nachdachte, das Rezept notfalls durch Bestechung zu erhalten.

Wir drehten eine Kneipprunde. Hier wird Löschwasser sinnvoll gesammelt.
Zum Schluss lernten wir die Chinderwält, sechs alte Walliser Stadel kennen, deren Inneres auch unseren Spieltrieb weckte.
Als wir Visperterminen verliessen, nahmen wir mehr mit als schöne Fotos. Erinnerungen an herzliche Begegnungen, an eine Landschaft voller Charakter und an ein Dorf, das Tradition nicht ausstellt, sondern lebt.
Und ganz persönlich nahm ich noch etwas anderes mit: das gute Gefühl, dass Wanderungen einfacher werden, wenn man sie einfach macht.
Man bezwingt nicht den Berg, indem man ihn besteigt,
sondern die eigene Vorstellung, es tun zu können.
Oliver Buss
Informationen
Heidadorf Tourismus
Bergbahnen Giw AG
Vroni und Katja: ambrüf & ambri – unsere wunderbaren Wanderleiterinnen
St. Jodern Kellerei
Dorfführung
Chinderwält
Hotel Rothorn
Restaurant Spycher
Weinwanderung und über das Tourismusbüro Heidadorf Tourismus
Wallis Tourismus
Dank
Mein Dank geht an Jürg Krattiger und Ueli Hänzi von Gretz Communications AG: Die Reise war super organisiert und kompetent und sympathisch begleitet.
Herzdank an Vroni und Katia von “ambrüf & ambri” – wer immer einen Ausflug nach Visperterminen plant – soll unbedingt mit den beiden Super-Frauen Kontakt aufnehmen.
Danke, liebe Marie-Mathilde, Du hast uns das Dorf voller Wärme und Herzlichkeit näher gebracht.
Danke liebe Nathalie, Wirtin auf dem Giw. Schade, verrätst Du Dein Rezept für die Weinsuppe nicht. 🙂
Und ein grosser Dank an meine “Journalistengspänli” Tanja, Riccardo und Vivien. Mit Euch hat alles Spass gemacht.
Musik
Walliser Hymne
Wieder einmal:
Joachim Raff – Symphony No.7 “In den Alpen”
Richard Strauss Alpensinfonie
Film
Visperterminen
Blogbeiträge Wallis
Stockalper
Bergwandern
Gletscher, Kampfkühe und Cholera
Albinen
Safrandorf Mund
Schafe auf der Gemmi
Gommer Gin-Frauen
Bücher
Ich schätze die Werke des Walliser Schriftstellers Wilfried Meichtry:



Walliser Totentanz: Historisch














Kurt-Raymond Meier
Spannender Reisebericht. Danke!!!!
Irene Eberle
Das war eine eindrückliche Kurzreise mit viel Natur und Flora im Wallis. So konnte ich gedanklich gleich mitwandern. Sehr schöner Bericht mit einem herzlichen Dank an alle Mitwirkenden.