Es war ein echter Klunkertag – mit Moor, Blütenpracht, Kunst, guten Gesprächen und lieben Menschen.

Es gibt Tage, an denen alles zusammenpasst: Dieser Klunkertag war so ein Tag.
Carmen und ich trafen kurz nach acht Uhr morgens in Park Seleger Moor ein.
Er liegt im Knonauer Amt, wo ich wohne.

Die Rhododendren stehen jetzt, Ende Mai, in voller Hochblüte.

Vom Eingangsbereich machten wir uns auf kleinen Pfaden Richtung Barfussweg.

Morgens um acht ist die Welt hier noch in Ordnung.

Später wird der Park von zahlreichen Besuchenden “belebt”.

Die Morgensonne bringt die orangen Büsche zum Glühen.

Es sind Tausende von Blüten, die sich hier jeden Tag öffnen.

Jede für sich eine Schönheit.

Keine zwei sind gleich.

Diese Sorte lässt ihre Alten einfach hängen. 🙂

Aus totem Holz entstand einst der Torfboden.

Die Loren erzählen von der Geschichte des Torfabbaus bei Rifferswil. Hier wurde während und zwischen den Weltkriegen Torf für Brennzwecke gestochen.

Kinderarbeit war im historischen Torfabbau eine oft bittere Realität. Während der schwere Aushub von Männern erledigt wurde, spannte man Kinder für die mühsame Nachbereitung, das Transportieren und das Trocknen der Torfziegel ein.

In der Schweiz sind Moore seit 1987 geschützt. Es darf kein Torf mehr abgebaut werden.

Jährlich werden aber schweizweit rund 500‘000 Kubikmeter Torf importiert. Um auch im Ausland Umweltschäden zu vermindern, verabschiedete der Bundesrat 2012 das Torfausstiegskonzept, das aber auf Freiwilligenbasis beruht.

Staunend über die Vielfalt der Pflanzen erreichten wir den Barfusspfad.

Carmen hat in ihrem grossen Garten am Waldrand selbst einen Barfusspfad geschaffen. Sie ist überzeugt von der heilsamen Wirkung. Was sie aber nicht hat, ist nasse Torferde.

Sie geht voll ran, suhlt mit den Füssen im edlen Dreck.

Ich gehe gern barfuss, zuhause, und im Garten im Sommer immer.

Aber das???
Ich bin eher zaghaft. Im Studium hatte ich gelernt, dass das wohlige Mantschen in Schlamm nach der Freudschen Entwicklungstheorie der analen Phase entspricht. Sie beschreibt die zweite Stufe der kindlichen Entwicklung im Alter von ein bis drei Jahren.

Wir benahmen uns dabei manchmal wie Kinder. Carmen spielt Storch.

Wir lachten und quiekten. Oink!

Ich wurde immer mutiger.

Der Weg ist abwechslungsreich gestaltet.

Auch auf Baumstämmen darf balanciert werden.

Man spürt die schmatzende Sogwirkung von Mooren an den eigenen Füssen. Wir blödeln über Moorleichen…
Am Schluss schrubbten wir unsere Füsse einigermassen sauber.

Auf dem Stegweg gelangten wir entlang den Teichen zu den Pfingstrosen. Carmen immer barfuss.

Die gefüllten Pfingstrosen sind opulente Blüten.

Immer wieder blieben wir fasziniert stehen – inszenierte Natur vom Feinsten!

Die Fülle ist überwältigend.

Wie kleine Glocken.
Carmen erklärt: “Eigentlich ist die Azalee ein Rhododendron. Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied, sonst müsste sie schliesslich keinen extra Namen bekommen. Unter einer Azalee versteht man einen Rhododendron, der im Winter sein Laub abwirft, während Rhododendren immergrüne Pflanzen sind.” Verstanden?

Carmen kann es nicht lassen und umarmt einen dicken Baumstamm.

Und sie tanzte durch die Blütenpracht. Ohne Carmen hätte ich den Barfussweg vermutlich deutlich vorsichtiger erlebt. Ihre Begeisterung wirkt ansteckend.
Man könnte hier einen Tag verbringen – und hätte noch immer viel zu entdecken.

Mein Klunkertag ging mit Kochen und Geniessen weiter. Nur noch ein Rest Spargelquiche blieb übrig!

Mit meinem Besuch, Hans und Lisbeth, besuchte ich anschliessend die Ausstellung “Bullinger!” im Kloster Kappel.
So sehe ich das Kloster.

Und auch so.

So interpretiert es der Künstler Peter Leisinger.
Er macht mit seinen ausdrucksstarken Holzfiguren die historische Epoche der Zeit der reformatorischen Umbrüche in Kappel vor 500 Jahren erfahrbar.
Die dreidimensionale Lebensgeschichte des Zürcher Reformators Bullinger macht nachdenklich. Besonders beeindruckte mich, wie modern Bullinger in manchen Punkten wirkt: neugierig, vernetzt, offen für Menschen unterschiedlichster Herkunft.
Heinrich Bullinger wurde 1504 geboren – mitten in die Zeit des Wirkens des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli (1484 – 1531), der in der Schlacht bei Kappel fiel.
Heinrich Bullingers Vater, ebenfalls Pfarrer, bekehrte sich zur Reformation und legalisierte seine Ehe mit Anna Wiederkehr.

Schon als Kind war Bullinger wissbegierig.
Details der Skulpturen beeindrucken. Er kaut am Fingernagel, weil er sich so konzentriert.
Es lohnt sich, sich Zeit zu nehmen, die Figuren genau zu betrachten. Was macht, dass sie eine bestimmte Stimmung vermitteln!

1516 ging der Zwölfjährige als Lateinschüler nach Emmerich in die humanistisch reformierte Stiftsschule. Später studierte er in Köln.
Skulptur: Er muss sich anstrengen, die Höhen der Bildung zu erreichen.

Wichtig für die Reformation in Zürich war Christoph Froschauer (1490 – 1564). Er war der erste Buchdrucker der Reformationszeit in Zürich und druckte insbesondere die unter Leitung von Zwingli übersetzte Zürcher Bibel von 1531.

1523 wurde Bullinger mit 19 Jahren als Lehrer ins Zisterzienserkloster Kappel am Albis berufen.

1526 zogen die Kappeler Mönche ihre Kutten für immer aus.
Während ich durch die Ausstellung ging, fragte ich mich mehr als einmal, wie viel Mut es damals brauchte, eingefahrene Wege zu verlassen.

Bullinger erreichte mit seinen Schriften und Predigten viele Menschen aller sozialen Schichten – in verschiedenen europäischen Ländern.
1529 heiratete er eine der letzten Nonnen des Klosters Oetenbach. Die beiden führten eine glückliche Ehe. Er war den gemeinsamen elf Kindern ein liebevoller Vater. Sein Haus war ständig angefüllt mit Flüchtlingen, Pfarrerkollegen und Rat- und Hilfesuchenden. Alle seine Söhne wurden Pfarrer.
Obwohl Bullinger selbst die Schweiz nie mehr verliess, seitdem er Antistes (Kirchenvorsteher) von Zürich wurde, hatte er Briefwechsel mit Menschen in ganz Europa. Er war dadurch hervorragend informiert und gab eine Art Zeitung über politische Ereignisse heraus.
Bullinger machte aus der Zürcher Reformation eine dauerhaft stabile Bewegung und prägte den reformierten Protestantismus weit über die Schweiz hinaus.

Im Garten kosteten wir den Klunkertag mit guten Gesprächen bis zum Ende aus.
An diesem Klunkertag wurde mir einmal mehr bewusst, wie reich ein Tag werden kann, wenn man ihn mit offenen Augen, neugierigen Füssen und lieben Menschen verbringt. Vielleicht sind Klunkertage genau das: Tage, an denen das Leben seine ganze Fülle zeigt.
Jeder neue Tag ist eine neue Chance
und wie Du den Tag nutzt,
nutze Deine Chancen!
Marietta Grade
Informationen
Park Seleger Moor
Barfussweg
Kloster Kappel
Ausstellung Bullinger (mit vielen Bildern)
Künstler Peter Leisinger
Rezept Spargelquiche Mit Lachs oder Schinken
Musik
Es war ein opulenter Klunkertag. Als opulente Klaviermusik empfinde ich die Reminiszenzen von Franz Liszt:
Sonnambula
Puritaner
Norma
Opulente Orchesterwerke:
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 8 in c-Moll – Bruckners Sinfonien werden oft als „Klangkathedralen“ bezeichnet. Das Werk baut gigantische, fast sakrale Klangwellen auf, die sich in gewaltigen Blechbläser-Chorälen entladen.
Pjotr Iljitsch Tschaikowski: Sinfonie Nr. 6 („Pathétique“) – Bietet extreme Kontraste von tiefer, intimer Melancholie bis hin zu hochexplosiven, opulenten Ausbrüchen des gesamten Orchesters.
Sergej Rachmaninow: 2. Klavierkonzert in c-Moll – Spätromantischer Prachtklang par excellence. Die Verschmelzung von tief-emotionalen, wuchtigen Orchesterklängen und virtuosem, mächtigem Klavierspiel.
Wenn Dir das zu opulent war, zur Entspannung
Spiegel im Spiegel, Arvo Pärt
C.Debussy – Clair de Lune, Maria João Pires
Frédéric Chopin: Nocturne in Es-Dur, Op. 9 Nr. 2, Maria João Pires
Edward Elgar: Nimrod (aus den Enigma-Variationen)
Lloyd Webber: Evita Symphonic Suite
Dank
Ich danke Carmen für ihre Freundschaft und ihre super Ideen. Auch sie hatte eine Ausstellung in Kappel. Ich lerne von ihr immer wieder, wie das Leben leicht sein kann.
Mein Dank geht auch an Lisbeth und Hans für die geteilte Begeisterung für die Ausstellung “Bullinger!”
Ich bewundere beide und lerne, wie sie konstruktiv und lebensbejahend mit den krankheitsbedingten Einschränkungen umgehen.














Hildegard
Klunkertage: Kostbarer als jedes Geschmeide. Bitte verwöhne uns mit weiteren Klunkertagen voller wundervoller Fotos und passenden Texten. Danke! Ob ich’s auch mal mit einem Klunkertag mitten im Alltag versuchen soll …….
Herzlichst Hildegard
Elisabeth
Unbedingt – was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen. 🙂
Herzlichste Elisabeth
carmen
Hihi, danke dir, lustig wars. Also ich gehe wieder matschen. Bis gliii, du mutige, fleissige Regula, bei mir kannst du auf Korken laufen. Was Freud wohl dazu meint?
Ritanna
Die Rhododendren und Azaleen können den Krieg um neuen oder alten Glauben nicht wegwischen. Wir, das Kelleramt war der Puffer von allen Seiten, für alle Seiten.
Noch heute drückt der Salpeter an den Seiten Eingängen an den Wänden unserer Lunkhofer Kirche durch und erinnert an die Respektlosigkeit der Anhänger des neuen Glaubens indem sie die Kirche plünderten, verwüsteten und an die Wände pissten. Nun, es ist wie heute in den Kriegsgebieten. Ich darf einfach Danke sagen, dass ich/wir im heute und hier leben, so gedenke ich der Unterdrückten.
Ritanna
Ich möchte doch sagen; die Künstler Arbeit von Peter Leisinger beeindruckt mich sehr, wie auch das Leben des Bremgarten Bullinger. Auch er ging mit Zwingli durch das Tor in Bremgarten AG.
Zu sagen ist; die Reformation machte viele Familien heimatlos. Die Zürcher Regierung verlangte, dass auch auf dem Land nur dem neuen Glauben nachgelebt werden darf. So tauschte Rudolf Huber 1570 und Ehefrau Verena Doggweiler seinen Landwirtschaftlichen Hof in Stallikon mit dem Geisshof in Unterlunkhofen. Der bisherige Besitzer wollte zum neuen Glauben und Huber dem alten Glauben nachleben. Paul Huber, Komponist entstammt dieser Linie. Dies hellt die Geschichte wieder auf mit Tönen – so wie Azaleen Rhododendren mit Blumen.
Margret Willen
Liebe Regula
Habe gerade Deinen Blog gelesen und an meine alte Heimat gedacht! 😘
Rhododendronpark Bremen
Stefanie Meier
Interessant, vielen Dank für den Beitrag!
Claudia Eugster
Hallo liebe Regula
Das ist ja ein wunderbarer Beitrag. Diesen Barfussweg muss ich irgendwann auch einmal machen, das klingt nach Spass.
Liebi Grüessli
Claudia